6. Tag: 4.6.2009

 
 

Ich bleibe noch ein bisschen in der aufgehenden Sonne sitzen, im Nu sind die Biwaksachen wieder trocken. Auf dem iPhone schaue ich mir ein youtube Video mit einem Windsturm in Kertsch an, der so stark ist, dass eine Frau auf der Straße beinah fortgeweht wird. Dann war es bei mir gestern doch nicht so schlimm. Außerdem will ich endlich „Chris on the bike" anmailen, um mich für die beste Radl-Homepage der Welt zu bedanken. Seit Jahren habe ich seine Tourenberichte durch Osteuropa in der Lenkertasche. Aber in wenigen Kilometern wird er nach Norden Richtung Krasnodar abgebogen sein, während ich bis zum Ende der Tour an der Schwarzmeerküste bleibe.


Nach wenigen Metern steht zum ersten und einzigen Mal am Straßenrand ein Brunnen mit Pumpe. Kurz einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet und ich bin richtig wach. Auf früheren Touren, vor allem in der Republik Moldau und in Rumänien (vor dem durch den EU-Beitritt bedingten Verfall der Dörfer) boten diese unkomplizierten und kostenlosen Duschen direkt am Straßenrand immer eine willkommene Abkühlung.


Nun, etwa auf halber Strecke zwischen Anapa und Noworossijsk, findet nach fünf Tagen in der Steppe tatsächlich ein völliger Wechsel der Szenerie statt: die riesigen Felder, zuletzt auf der russischen Halbinsel Taman durchsetzt mit Salzseen, werden von dichtem Wald abgelöst. Vorteil: ab nun wird der Wind endlich keine Rolle mehr spielen. Gleichzeitig wird die Landschaft sehr hügelig, es gibt kein ebenes Fleckchen mehr. Die Häuser sind in den Hang hineingebaut.

In Verhnebanbanskij schnell ein Stehfrühstück bei den kleinen Läden am Straßenrand. Kurz dahinter bricht unerfreulicherweise die Straße aus Krasnodar mit einem Schwall scheppernder LKW herein. Diese Monster begleiten mich die landschaftlich spektakulären 13 km bis Noworossijsk. Es ist der wohl verkehrsreichste Abschnitt der ganzen Tour. Ein kleines Trostpflaster ist, dass die Straße noch breit genug für uns alle ist. Später wird es auf der Küstenstraße viel enger und kurviger werden.


Im Hafenort Noworossijsk gibt es einen großen, bunten Markt. Die Straßenführung um die Bucht herum durchschaue ich nicht sofort. Am Platz mit Rathaus und obligatorischer Leninstatue, zu dem die Hauptstraße führt, wird zum erstenmal das GPS konsultiert, irgendwie bin ich ja auf der falschen, da südlichen Seite der Bucht, die Hauptstraße muss eine Sackgasse sein. Fahre ein Stück zurück und biege nördlich auf die Brücke, von der aus der riesige Hafen sichtbar wird. Von einer Anhöhe aus gibt es noch einmal einen schönen Blick zurück auf die an sich malerisch gelegene Bucht (Titelfoto dieses Berichts).


Der folgende Streckenabschnitt ist der landschaftlich wohl spektakulärste der ganzen Tour: wie im Cabrio-Werbespot geht es entlang der Steilküste über dem blau funkelnden Meer dahin. Dazwischen ragen vereinzelt weiße Sanatorien aus dem dichten Wald. Von nun an münden unzählige Flüsse, von Nordosten aus den Bergen kommend, ins Schwarze Meer. Es folgt eine Endlosschleife kurviger Abfahrten hinunter ins Flussbett, dann kurvig wieder hinauf, dann das Ganze von vorn. Jede Variante ist dennoch völlig anders, ich genieße eine geniale Abfahrt nach der anderen. Die Anstiege sind von Länge und Steigung her überschaubar, es sind keine Westalpenpässe, länger als zwei Stunden geht es wohl nie bergauf.


Seit dem Hafen von Noworossijsk ist der Verkehr zwar etwas weniger geworden, dafür die Straße enger und kurviger, so dass die LKW nun mehr auf Tuchfühlung gehen. Auch die Fahrer haben hier einen aggressiveren Fahrstil oder sehen mich nur zu spät, ich bin natürlich der einzige Überland-Radfahrer. Die schon erwähnte Russin erzählt mir am Ende der Tour, dass sie auf all ihren Reisen, trampend durch die GUS, bisher nur einmal freiwillig doch auf den Zug umgestiegen sei, und zwar genau hier an der Schwarzmeerküste. Offenbar gibt es ein nicht unerhebliches Risiko, samt LKW den Hang hinunterzustürzen. Sie zitiert diese LKW Fahrer „don`t worry, wir fahren die Strecke seit Jahren auf und ab, ist unser Zuhause, wir kennen jeden Zentimeter".


Der nächste Ort an der Küste ist Gelendschik, sehr gediegen mit blumengesäumter Strandpromenade, auf der gepflegte Menschen auf- und abflanieren. Die Bucht hat die Form einer fast geschlossenen Beißzange, sie hat ihren Namen, wörtlich „Kleine Braut", vom früher hier betriebenen Mädchenhandel. Es gibt viele einladende Restaurants am Meer. Ich bestelle Fisch, darf mir am Aquarium selber einen aussuchen. Zögere kurz, schon kommt mir der Koch mit einem beherzten Griff zuvor und schlapft mit dem zappelnden Tier in der bloßen Hand zurück in die Küche. Früher musste ein Tier dieses Kalibers für ein ganzes Weihnachtsessen in unserer fünfköpfigen Familie herhalten. Meine freundliche Bedienung spricht ziemlich gut englisch, das sie sich weitgehend selber beigebracht hat. Sie träumt vom Westen. Einmal Paris sehen. Hingegen befinde ich mich gerade mitten in der Realisierung meines Traums von Russland. Vielleicht hatte ich vergessen, dass dies keineswegs selbstverständlich ist. Nach der Tour wird dieser idyllische und ruhige Ort zu meinem Lieblingsort an der russischen Schwarzmeerküste erkoren. Tatsächlich lese ich per Zufall im Oktober 2009 in der Moscow Times, Gelendschik ist auch offiziell zu einer der drei russischen Städte mit der höchsten Lebensqualität gekürt worden (die anderen beiden habe ich sofort wieder vergessen).


Nun geht die Straße wieder zurück in den Wald. Immer bergauf, bergab, bergauf, bergab, es wird nie eintönig. Die Landschaft erinnert mich stark an das Centovalli, die Gegend der hundert Täler zwischen Domodossola und Locarno. Ich fahre abends noch ziemlich lang, finde keinen geeigneten Biwakplatz. Jede abzweigende Straße führt zu einem Haus, wo es immer irgendwann zu bellen anfängt. Die LKW sind seit Einbruch der Dunkelheit beinah verschwunden, zum ersten und insgesamt auch einzigen Mal an der russischen Schwarzmeerküste folgt ein längerer ruhiger Abschnitt. Zuvor nie gehörte Tiergeräusche aller Art umgeben mich, ich fühle mich ganz heimelig wie ein Gast in deren Wohnzimmer. Hier im Wald ist es stockdunkel, aber der Straßenbelag ist einwandfrei. Einen toten Hund kann ich gerade noch umfahren.


Kurz vor Dzubga passiere ich eine riesige Kontrollstation. Wieder mal mündet von Norden eine Straße aus Krasondar auf die Küstenstraße und ein Schwall monströser Sattelschlepper reißt mich unsanft aus meiner meditativen Stimmung. Ich werde nicht kontrolliert. Statt der Beamten interessiert sich aber ein Monster von irischem Wolfshund mit Gefolge für mich. Nur sofortiges Stehenbleiben rettet mich aus dieser misslichen Lage. Bekanntes Spiel, meine Verfolger hören mit Gebell und Zähnefletscherei nur auf, wenn ich absteige. OK, dann schiebe ich. Außerdem sollte ich mir langsam konkretere Gedanken zwecks Schlafplatz machen, es ist bereits nach Mitternacht, das Soll von 150 km ist so gut wie erfüllt und meine Schulter schmerzt nach über 9 h Fahrzeit schon, bin ja die letzten zwei Jahre nicht mehr als die paar Meter zur Arbeit geradelt. Biwakplatzsuche ist aussichtslos, hier ist alles zugebaut. Ich nehme, da ich nun schon mitten in Dzubga bin, Premiere: ein Motel. Very basic, 15 Euro, passt. Das Fahrrad darf gleich hinter der Eingangstür stehenbleiben, wo es eigentlich schon stört, aber die Leute hier sind ja nicht so. Abgesehen von Start und Ziel meine einzige Nacht nicht unter freiem Himmel – die langweiligste. Beim Absteigen schmerzt mein linker Arm nun richtig und wird sogleich völlig unbenutzbar: wie gelähmt, nur dass er wehtut. Offenbar haben ihn nur irgendwelche Adrenalinschübe noch am Laufen gehalten. Mir wird bewusst, dass ich unbewusst seit Stunden beide Gangschaltungen mit der rechten Hand bedient habe. Hoffentlich wird das wieder, auf Dauer kann man ja nicht einarmig fahren.

Bilder vom 5. Tag

Noworossijsk, Gelendschik, Dzubga (150 km)